Sich in die tiefe der antike stürzen

Mario Perniola,

​Wenn ich das Schaffen von Hermann Fitzi ansehe, vor allem die jüngste Serie mit dem Titel "Die archäologischen Mythen", muss ich feststellen, dass die ästhetischen Kategorien, die zur Zeit in Mode sind, eigentlich nicht in der Lage sind, es zu interpretieren.

Denn diese Werke provozieren eine Idee, die in der zeitgenössischen Kulturdebatte eher diskreditiert ist, die Idee der Tiefe. Sie fordern uns auf, diesen Begriff mit seinem Umfeld in Frage zu stellen, gewinnt er doch, verglichen mit dem üblichen Gebrauch und den Vorurteilen, die ihn begleiten, gerade durch diese Werke eine neue oder zumindest ungewohnte Bedeutung. Die Untersuchung muss bei diesen Vorurteilen anfangen: was hat die heutige Kritik eigentlich gegen das Tiefe?

Tiefe als

– Bei der Untersuchung der Kategorie der Tiefe legen sich zwei Hindernisse in den Weg. Das erste liegt im emphatischen Gebrauch von Tiefe[1], den die deutsche Kultur im 19. und 20. Jahrhundert gemacht hat. In diesem Verständnis bedeutet "tief" so viel wie innerlich, intensiv, in der Seele verwurzelt und damit nicht äusserlich, nicht oberflächlich/formal, nicht mondän/weltlich. Eine solche Ansicht ist getränkt von der Gefühligkeit (sensibilità) des Pietismus und vom religiösen "Wiederaufleben": gerade das Gefühl, das Vertrauen[2], die Religiosität, wenn sie voller Inbrunst und Eifer sind, werden als "tief" definiert. In der Folge sind es das Denken, die Philosophie und das deutsche Volk, die als besonders "tief" erachtet werden, in einem sich selbst rechtfertigenden Crescendo, das von Nietzsche geprägt ist.

Nach dessen Ansicht ist die sogenannte "deutsche Tiefe" eher ein Selbstbetrug: "Und wenn man nicht einmal reinlich ist," schreibt er, "wie sollte man Tiefe haben? Man kommt beim Deutschen, beinahe wie beim Weibe, niemals auf den Grund, er hat keinen: das ist alles. (...) – Das, was in Deutschland "tief" heisst, ist genau diese Instinkts-Unsauberkeit gegen sich, von der ich eben rede: man will über sich nicht im Klaren sein."[3]

Nietzsche negiert auf diese Weise nicht den Wert der Kategorie der Tiefe in sich selbst, aber er tadelt ihr Verkommen in Trübheit und Unehrlichkeit. Im Gesang des Nachtwandlers, dem vorletzten Kapitel des Zarathustra, finden wir diese Verse: " Die Welt ist tief, / Und tiefer als der Tag gedacht. / Tief ist ihr Weh -, / Lust – tiefer noch als Herzeleid."[4] Nietzsches Kritik an der sogenannten deutschen Tiefe wird von Gottfried Benn aufgenommen: eine Tiefe, die sich mit der Innerlichkeit identifiziert, geht auch für ihn das Risiko ein, in leerer Rhetorik und Undurchschaubarkeit der Lüge zu versinken: "vom Preußentum und seinen ethischen Aufdringlichkeiten", schreibt er, "führt endlich ein Weg auch zu jenem idealen Begriff, hinter dem die Deutschen gern verschwimmen – ihre Sepia, ihre Tinte, mit der sie ihren mangelhaften Umriss decken: Tiefe, die Schicht des Innigen, die Sache der Not."[5] 

Das zweite Hindernis für die Neubewertung der Tiefe kommt hingegen vom Postmodernismus: tatsächlich erscheint in der von Ihab Hassan redigierten »tabella dicotomica« das Wort »Tiefe« in der Rubrik, in der die Eigenschaften des Modernismus aufgeführt sind, und es wird der "Oberfläche" gegenübergestellt, die unter den Eigenschaften der Postmoderne aufgeführt ist. Schliesslich scheint die Tiefe eine Dimension von Substantialität und von Unvergänglichkeit hervorzurufen, die jenen Eigenschaften, in denen sich der Postmodernismus wiedererkennt, diametral gegenübersteht, d.h.  die Flexibilität, die Leichtigkeit, die Flüchtigkeit, die Vergänglichkeit, wenn nicht sogar eine gewisse Leichtfertigkeit. In der postmodernen Optik bezeichnen solche Eigenschaften nicht nur eine literarische, architektonische oder künstlerische Poetik, sondern einen Lebensstil, eine Wesensart der Gesellschaft und der Wirtschaft, und am Ende die Form der individuellen und kollektiven Erfahrung in der Gesellschaft der Massenmedien. In einem solchen Kontext scheint der Begriff der "Tiefe" auf eine ethische Sicht der Existenz zu verweisen, die der postmodernen Ästhetisierung entgegengesetzt ist. Mit anderen Worten: in der Ablehnung der Tiefe ist noch die Identifikation von "tief" und "innerlich" enthalten, die das germanische Verständnis von Tiefe[6] im 19. und 20. Jahrhundert unterschieden hat.

Tiefe als

Ausdehnung nach unten – Das Begreifen von Tiefe als Innerlichkeit füllt die Bedeutung des Begriffs keineswegs aus. Es ist im Gegenteil eher irreführend, gemessen am antiken, griechischen Wort, das für Tiefe steht: es heisst bàthos, gleich wie der Vers bàbto, dessen Bedeutung "eintauchen" ist. Das ist das semantisch-konzeptuale Feld, das erforscht werden muss, wenn man die Ideen verstehen will, die die Gemälde von Fitzi zum Ausdruck bringen; diese sind "tief" nicht im Sinne einer trüben Innerlichkeit, sondern im Gegenteil im Sinne eines "rätselhaften Äusseren" ("esteriorità enigmatica").

Ausgangspunkt dieser Untersuchung ist das Zerlegen (decostruzione) des Gegensatzes zwischen Tiefe und Oberfläche. Diese Begriffe sind keineswegs gegensätzlich, wie der religiöse Pietismus glauben machen will. Plotin, der sich in der Seele auskannte, ordnet das bàthos immer der Tendenz nach unten zu, zur Materie, zur Welt, zu den Dingen; für ihn ist die gegenständliche Welt tief, nicht die geistige. Porfirio schreibt, Plotin "schien sich dafür zu schämen, in einem Körper zu sein". Deshalb erzählte er weder von seiner Herkunft, noch von seiner Familie, noch von seiner Heimat. Wenn ein Maler um die Erlaubnis bat, ein Porträt von ihm zu machen, wies er ihn zurück, wollte ihm nicht sitzen und rechtfertigte seine Weigerung mit den Worten: "Ist es nicht genug, dass man dieses Aussehen trägt, das einem die Natur gegeben hat? Muss man auch zulassen, dass von diesem Bild ein anderes, dauerhafteres Bild bleibt? Wie sollte jenes eines Blickes würdig sein?".

Man braucht sich übrigens nicht zu wundern über diese Haltung, denn Plotin betrachtete die Natur des Körpers als schlecht, soweit dieser an der Materie teilhabe, die unendlich, unbegrenzt, ungeteilt, unbestimmt ist, ohne Leben. Für Plotin ist deshalb nicht die Welt der Seele tief, sondern die Welt des Körperlichen.

Man wird die Meinung Plotins besser verstehen, wenn man die gegensätzliche Beziehung betrachtet, die das griechische Wort bàthos mit hypsos verbindet, d.h. mit dem Erhabenen. Während der letztere ein ästhetischer Begriff von höchster Wichtigkeit ist, der eine herausragende Rolle spielt im antiken, modernen und postmodernen Denken, ist Gleiches für das Tiefe nicht zu finden. Dennoch ist das Studium der Beziehung erhaben-tief (sublime-profondo) so interessant wie je, denn es zeigt die Permanenz in der Ästhetik durch Jahrtausende hindurch einer geistigen Orientierung, die die Seele über den Körper stellt, den Geist über die Materie, die Erhebung nach oben über das Sinken nach unten.

Die ursprüngliche Bedeutung des Paares bàthos-hypsos ist einfach: ersteres bedeutet die Tiefe des Meeres und der Erde im wörtlichen wie im metaphorischen Sinne. In dieser Bedeutung verwendete es Aischylos in Versen von grosser poetischer Kraft: "Es ist wirklich ein tiefer, rettender Gedanke nötig: in den Abgrund sinken wie ein Taucher mit scharfem und nüchternem Blick, damit die Stadt nicht dem Ruin verfalle und für mich selbst alles gut ausgehe." Das Bild des Tauchers soll später von Sokrates wieder aufgenommen worden sein, der – nach Diogenes Laerzius – das Denken von Heraklit mit der Tiefe des Meeres verglichen habe.

Tatsächlich soll sich Sokrates in Bezug auf den Philosophen aus Ephesus mit folgenden Worten geäussert haben: "Das, was ich verstanden habe, ist grossartig; so glaube ich auch das, was ich nicht verstanden habe, aber um auf den Grund zu kommen, ist ein Taucher von Delos nötig." Das Zusammengehen von Tiefe mit dem Denken scheint also gesichert; es wird ausser Heraklit auch Parmenides zugeschrieben, aber es handelt sich immer um ein rätselhaftes Denken, das eine versteckte, geheime und schwer zu erlangende Wahrheit bewacht.

In einem anderen Vers von Aischylos wird bàthos der Tiefe der Erde zugeschrieben und in Beziehung zum Denken gesetzt: "Aus tiefer Furche erntet er Früchte im Feld eines Geistes, damit kluge Gedanken spriessen." Dennoch richtet sich die ästhetische Reflexion bei den Griechen nach dem Erhabenen und nicht nach dem Tiefen aus. Unter diesem Aspekt scheint die ikarische Wendung endgültig,  die Platon der Philosophie aufgeprägt hat; von diesem Moment an, an dem das Wissen als Aufstieg zur "hyperuranischen" Welt der Ideen vorgestellt wird und nicht als Abstieg in die Tiefe der abgründigen Welt, ist es die Orientierung am Erhabenen, dem Idealen, der Transzendenz, die die fundamentale Tonart der Philosophie stabilisiert und beherrscht. Diese Wendung ist im Übrigen vollkommen übereinstimmend mit dem Ideal eines Wissens, das sich im Unterschied zu dem der Manien/Einbildungen(?) (prophetisch, befreiend, poetisch und erotisch) in jedem Moment selbst rechtfertigen/begründen kann. Der rätselhafte, "ctonio", der Erfahrung und dem Wissen verborgene Moment, wird so marginalisiert und beseitigt: die Mächte des Tiefen müssen besiegt und unterworfen werden. Im hellenischen Zeitalter erfährt der Sieg des hypsos über das bàthos, des Erhabenen über das Tiefe seine Krönung im berühmten Traktat des Pseudo-Longino Über das Erhabene.

Hier erscheint das bàthos ein einziges Mal am Anfang des zweiten Kapitels in einem doppeldeutigen Satz, der gegensätzliche_ Interpretationen erfahren hat. Der Satz heisst: "Die grundlegende Frage, die wir uns stellen müssen, ist die, ob es irgend eine Technik des Erhabenen oder des Tiefen gibt": die Doppeldeutigkeit entstammt dem Teil, der die zwei Begriffe vereinigt, der gelesen werden kann als Identität (entweder des Erhabenen oder des Tiefen) oder als Gegensatz (sowohl des Erhabenen als auch des Tiefen).

Was aber in beiden Fällen evident wird, ist die Unterordnung des Tiefen unter das Erhabene: was sich ändert, ist lediglich die Strategie der Unterordnung. In anderen Worten, ist das Tiefe ein Element, das vom Erhabenen aufgenommen oder tout court unterdrückt werden muss? Die Frage stellt sich wieder in der modernen und postmodernen Geschichte des Erhabenen: bald wird das Tiefe als ein Aspekt des Erhabenen verstanden, bald als ein zu bekämpfender Gegensatz. Im 18.

Jahrhundert scheint die erste Lösung vorherrschend zu sein; die Postmoderne hingegen schaut resolut auf Verbannung des Tiefen. Allerdings, während im 18. Jahrhundert noch eine Kenntnis der originalen Bedeutung von bàthos und hypsos vorhanden ist (verstanden als Ausdehnung nach unten im einen und als Ausdehnung nach oben im anderen Fall), sind die Begriffe des Tiefen und des Erhabenen in der Postmoderne voneinander getrennt.

Zerlegen de falschen Gegensatzes zwischen der Tiefe und der Oberflächlichkeit – Der  Gegensatz der Postmoderne ist der zwischen dem Tiefen und dem Oberflächlichen.

Das Tiefe scheint in der Tat nicht auf die Erfahrung des Abgrundes, des

Nicht-Erkennbaren, des Verborgenen zu verweisen, sondern auf die Ideen des Fundamentalen,

der Bedeutung, der Herkunft, des Grundes, der Metaphysik, alles Begriffe, die Gegenstand der Ablehnung sind. Die Parteiergreifung zugunsten des Körperlichen wird so als eine Wahl zugunsten der Oberfläche und der Erscheinungsform empfunden. Solange mit solchen Parametern gearbeitet wird, wird das Werk von Fitzi nur schwer Anerkennung finden, gerade weil es den Pseudo-Gegensatz von "tief" und "oberflächlich" verwirft. "Tief" und "oberflächlich" sind beides Begriffe, die zur Immanenz, zum Äusseren, zum Körperlichen gehören. Der zeitgenössische Philosoph, der die Elemente für die Zerlegung des falschen Gegensatzes von "Tiefe" und "Oberfläche" geliefert hat, war Wittgenstein. "Um in die Tiefe hinabzusteigen, muss man nicht weit gehen; denn es ist absolut überflüssig, diese Umgebung zu verlassen, die du kennst und die du gewohnt bist."[7]

Die gleiche Entität kann sowohl oberflächlich als auch tief wahrgenommen werden, wie die Zeichnung der Ente von Jastrow, die, je nachdem, wie sie betrachtet wird, als Ente oder als Kaninchen gesehen werden kann, ohne dass etwas daran verändert wird. Das Oberflächliche und das Tiefe stellten nicht zwei verschiedene Entitäten her/dar, sie seien zwei Dimensionen einer einzigen Entität, die manchmal auf gewohnte und gewöhnliche, manchmal auf ungewöhnliche und verstörende Weise wahrgenommen würden. Für Wittgenstein scheint das Tiefe verbunden zu sein mit einem "Sinn der/von Irrealität", mit einer unvorhergesehenen und überraschenden Resonanz, die lebendiger und glänzender ist als eine einfache mentale Feststellung, eine Interpretation.

Die Erfahrung der Tiefe könnte in Ausrufen folgender Art zusammengefasst werden: "Jetzt erscheint eine Sache völlig anders!" oder "Es ist, als ob sich das Bild verändert hätte, obwohl es sich nicht verändert hat!" Für Wittgenstein ist das Tiefe keineswegs etwas Inneres, das sich dem Äusseren des Oberflächlichen entgegenstellt: subjektivistische, spiritualistische, mentalistische Psychologie, die das Tiefe wie eine innerliche Entität betrachtet, lehnt er ab. "Die Liebe, das, was wichtig ist in der Liebe, ist nicht ein Gefühl, sondern etwas Tieferes, das sich nur im Gefühl ausdrückt." Aber Wittgenstein lehnt auch die andere Psychologie ab, die verhaltensbezogene, positivistische, die jeden Bezug zum Wissen eliminiert und jede Wertigkeit der Sicht nach innen (introspezione) negiert und damit die Erfahrung auf das reduziert, was objektiv wahrnehmbar ist. Tatsächlich gilt für ihn: "Die Beobachtung, dass die Offenheit in der Dimension der Tiefe eine Eigenschaft (proprietà) wie jede andere der sichtbaren Gegebenheit ist, stellt keine Hilfe dar."[8]

Es sei treffender, die Tiefe mit dem unverhofften Eintauchen in einen "anderen Zustand" zu vergleichen, ohne dass sich etwas sichtlich verändert habe. Diese Wittgenstein'sche Zerlegung des Gegensatzes zwischen tief und oberflächlich scheint mir allerdings noch ungenügend. Denn diese trifft nur teilweise zu auf die Unterscheidung zwischen dem gewohnten, gewöhnlichen, normalen Zustand und dem anderen

Zustand. Sie ist eine Zerlegung ihres Gegensatzes auf der Seite des Tiefen, weil sie uns nichts Neues sagt in Hinsicht auf das Oberflächliche. Für Wittgenstein existiert das Tiefe schon im Oberflächlichen. Dennoch frage ich mich, ob es nicht möglich ist, noch einen anderen Weg zu suchen: das Oberflächliche im Tiefen suchen. Diese Möglichkeit eröffnet sich vom Moment an, in dem ich das Tiefe als Schichtung (stratificazione) der Oberflächen denke, d.h. sie als etwas Volles statt als etwas Leeres denke. Das ist eine Idee, die mir besonders passend erscheint für das Werk von Fitzi: es handelt sich in der Tat um die archäologische Tiefe, in der das Antike auftaucht, Schicht um Schicht, Oberfläche um Oberfläche, im Bild einer philosophischen Konzeption, die das Leere eliminiert/ausgrenzt. 

[1] deutsch auch im italien. Text

[2] oder: das Vertrauen

[3] Originaltext Ecce Homo, Der Fall Wagner – 3

[4] Originaltext (Vers 404)

[5] Originaltext (Roman des Phänotyp)

[6] deutsch auch im italienischen Text

[7] Rückübersetzung

[8] Rückübersetzung